So, jetzt melde ich mich endlich mal wieder, um von den aufregenden Erlebnissen meines Urlaubs im Oktober zu berichten.
Mein Urlaub begann am 1. Oktober, dem Nationalfeiertag. Dies ist einer der wenigen Tage, an dem alle Chinesen nicht Arbeiten müssen, und das bekam ich auch mit. Es schien, als ob ganz China, also 1,3 Milliarden Menschen, auf den Beinen ist. Glücklicherweise habe ich schon einige Tage zuvor Zugtickets gekauft, sonst hätte ich meine Woche Ferien auch in Jiuquan verbringen können, weil ich gar nicht erst weggekommen wäre.
Wir waren eine Gruppe von 6 Leuten: Wido, Georg, Magnus, Karl, allesamt ebenfalls Freiwillige aus Deutschland und ein anderer Freiwilliger aus Holland: Rieko, und natürlich ich selbst.
Also ging es los, von Jiuquan aus, mit dem Zug nach Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu. Die Zugfahrt war schon eine Qual, da Magnus, der fließend Chinesisch spricht, weil seine Mutter Chinesin ist, erst einmal die falschen Zugtickets gekauft hatte: nämlich die vom Tag zuvor. Das hieß, dass wir keine gültigen Tickets hatten und somit auch eigentlich kein Recht, die Leute, die auf unseren Plätzen saßen, zu vertreiben. Zum Glück sah der Schaffner ein, dass es sich bei uns einfach um ein Missverständnis handelte und ließ uns trotzdem im Zug mitfahren, aber einen Sitzplatz hatten wir trotzdem nicht. Einige Chinesen waren so nett, sich auf ihren Sitzen zusammenzuquetschen, damit wir uns noch mit dazu setzen konnten. So konnten dann immer 2 von uns sitzen und der Rest stand. Die Zugfahrt dauerte vier Stunden, und da es Rieko nicht so gut ging, ließen wir ihn die gesamte Zeit über schlafen. Das hieß dann im Endeffekt, dass jeder von uns insgesamt vllt. 5-6 Stunden im Zug stand. Aber damit nicht genug, an jedem Bahnhof, den wir passierten, stiegen mehr und mehr Passagiere zu und es schien, als ob alle erst in Lanzhou aussteigen würden, was letztendlich auch so war. Also standen wir dort viele Stunden im Zug, eingequetscht zwischen hunderten Chinesen, und die Luft war schrecklich stickig. Ich lernte ein paar nette andere junge Chinesen kennen, die mir Hühnerfüße und Bier anboten, was ich dankbar annahm. Nach einer Ewigkeit kamen wir dann endlich in Lanzhou an und dachten, dass das Gedränge und Gequetscht jetzt endlich ein Ende haben würden, aber da hatten wir uns schwer getäuscht. Kaum dass wir aus dem Bahnhofsgebäude auf einen riesigen Platz heraustraten, ging es weiter. Der Bahnhofsvorplatz war vllt .doppelt so groß wie der Marktplatz von Saalfeld und er war bis zum letzten Winkel mit Chinesen gefüllt, ein unendliches Meer aus Köpfen, dass sich vor uns erstreckte. Wir kämpften uns durch, bis wir in eine Seitenstraße einbiegen konnten und dann wollten wir weiter zum Busoffice, um uns dort Tickets zu kaufen nach Jiuzhaigou. Magnus betrat das Office, vor welchem auch eine Menschenmenge von ca. 1000 Leuten wartete, und nach kurzer Zeit begannen viele dieser Menschen in das Ticketoffice hineinzudrängen. Die Polizei hatte die Lage nicht mehr unter Kontrolle und so schloss sie einfach die Türen zum Office ab, was zur Folge hatte, dass innerhalb Panik ausbrach und die Menschen sich gegen die Tür drängten. In diesem Gedrängel wäre Magnus beinahe zerquetscht worden, und als er rauskam, glaubten wir ihm erst nicht, aber als er sich dann übergab und fast zusammenklappte, da erschien uns das doch nicht mehr, als ob er Spaß machte. Jedenfalls waren im Endeffekt die Tickets für den Bus ausverkauft und wir bekamen keinen Bus direkt nach Jiuzhaigou. Also nahmen wir ein Taxi zu einer anderen Busstation, von welcher aus wir hofften, nach Jiuzhaigou zu gelangen.
Dort angelangt, nach ca. 1-stündiger Taxifahrt, für ca. 2 km, wegen des dichten Verkehrs, mussten wir feststellen, dass es dort ebenso wenig Tickets gab wie an der 1. Busstation. Aber wir gaben uns noch nicht geschlagen und wollten einfach wo anders hinfahren, in eine andere Stadt, und von dort aus weiter mit einem anderen Bus bis zu unserem Ziel. Jedoch waren auch die Tickets in die andere Stadt ausverkauft. Ein chinesischer Mann, der sein Kind mit im Schlepptau hatte, schmuggelte uns durch den Hintereingang zum Fahrkartenschalter, wo wir dann durch ihn doch noch Tickets erhielten.
Also konnten wir mit dem Bus nach Gan`an fahren, von wo aus wir weiterreisen wollten nach Jiuzhaigou. Jedoch, in Gan`an angekommen, empfing uns 1. schlechtes Wetter und Kälte und 2. kein Bus nach Jiuzhaigou. Also suchten wir ein Taxi, welches uns dort hinbringen sollte, und handelten einen Preis aus: ca. 150 Euro für 300-400 km, ein fairer Preis. Der Taxifahrer schätzte, dass wir ungefähr 3-4 Stunden brauchen würden. Aber als wir die Stadt verließen, begann es schon nach 5 Minuten zu schneien. Es wurde immer schlimmer und letztendlich fuhren wir, wie uns der Taxifahrer mitteilte, eine extrem gefährliche Straße, auf der schon etliche Autos in die Schluchten, die sich links und rechts neben der Straße auftaten, gestürzt sind. Der Trip zog sich nicht über die geschätzten 4 Stunden hin, sondern wir brauchten insgesamt 10 Stunden und kamen um 4 früh in Jiuzhaigou an. Nach 3 Stunden Schlaf im Hostel ging es schon wieder los, da ja ein Feiertag war und somit tausende Touristen auch in den Naturpark gehen wollten. Die Schönheit dieses Parks ist unbeschreiblich. Die Seen sind so blau wie der Himmel, und selbst der Grund des Sees in 10m Tiefe war zu erkennen. Tausende kleine Wasserfälle schlängelten sich die Berghänge hinunter und glücklicherweise waren wir fast immer alleine, weil wir schon zu Beginn von der Hauptouristenroute abgebogen waren auf einen eher verlassenen Pfad. Jiuzhaigou ist im Herbst am schönsten, da die gefärbten Blätter sich im Wasser spiegeln und ein unbeschreibliches Naturschauspiel darstellen.
Wir verbrachten einen ganzen Tag im Park und waren begeistert von seiner Schönheit.
Am nächsten Tag gingen wir in einen anderen Teil des Parks mit einem eigenen Guide, welcher uns in abgelegenere Gebiete führte. Darunter waren ein verlassenes Dorf, ein heiliger Berg, wo tausende tibetische Gebetsfahnen hingen und ein Tempel, wo wir die Gebetsmühlen, wie sie es in Tibet gibt, drehen konnten. Einen Wasserfall, der auch heilig war, besuchten wir auch, doch dort passierte ein Unfall: Wir kletterten einen steilen Abhang, der mit Bäumen und Büschen bewachsen war, hinauf und der Wasserfall lag zu unserer rechten Seite. Als wir auf der Hälfte angekommen waren, rutschte Magnus jedoch aus und fiel den Wasserfall ca. 5m hinunter. Er saß dort, vllt. noch 3m über dem Boden, auf einem Stein fest und hatte eine Platzwunde am Kopf und einen geprellten Arm. Wir waren geschockt und gleichzeitig froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist, denn er hätte auch sterben können durch diesen Sturz. Er saß auf diesem Felsen für ca. 1 Stunde fest, bis endlich einige Tibeter mit Seilen und einer Leiter eintrafen und wir Magnus vom Felsen retten konnten.
Aufgrund dieses Vorfalls mussten wir unseren Urlaub schon leider vorzeitig abbrechen und kehrten nach Lanzhou zurück. Dort wurden wir erstmal vom Bildungsminister der Provinz Gansu zum Essen eingeladen, was uns sehr erstaunte. Die Position und besonders auch das Wohlergehen der Volontäre ist, wie uns dieses Ereignis zeigte, nicht nur eine Frage der Schule, sondern auch von weitaus höheren Kreisen. Da es sofort bekannt wurde, dass einem Volontär ein Unfall widerfahren ist, wurden wir vom Bildungsminister persönlich eingeladen. Allein dieses Ereignis zeigt, dass sich Personen von hohem Rang für uns verantwortlich fühlen.
Nach der einen Woche Ferien begann die lange Periode, welche von Anfang Oktober bis Ende Januar andauert. In dieser Zeit müssen wir jede Woche unterrichten und haben keine Ferien in der Zwischenzeit.
Mitte Oktober wurden alle Volontäre von Liu Ruhong besucht. Sie ist die Chefin der Abteilung von Amity, welche für die Volontäre und Lehrer aus dem Ausland verantwortlich ist. Sie kam nach Jiuquan, um sich zu erkundigen, wie unsere Lebenssituation hier ist und ob die Schule den Vertrag einhält, welchen ich mit ihr geschlossen habe, und uns die Sachen bereitstellt, zu welchen sie verpflichtet ist. Liu Ruhong hatte auch ein Gespräch mit mir und trug dann meine Anliegen beim Treffen von ihr mit meiner Schule vor. In China ist es oft üblich, dass Anliegen über Dritte geregelt werden, ohne dass die beiden Parteien sich direkt zusammensetzen und über die Angelegenheit diskutieren. Es wird fast immer vermieden, einen Konflikt oder eine Diskussion offen anzusprechen und auszutragen. Außerdem gab ihr die Schule ein Feedback über mich und Alban und ich kann mit Freude mitteilen, dass die Schule nur Positives über uns zu berichten hatte und sehr zufrieden ist mit unserer Arbeit als Lehrer.
Der November war relativ ereignislos, langsam stellte sich der Alltag ein, dass ich die Woche über unterrichte und am Wochenende frei habe, oft unternehme ich da etwas. Beispielsweise war ich ein Wochenende in Yumen, einem ca. 70 km entfernten Dorf, wo 3 andere Deutsche Volontäre arbeiten, welche ich besuchte. Dort gibt es fast gar nichts, außer einigen Läden, Feld und dann gleich nach dem Feld: Wüste.
Im Dezember wurde es hier langsam, nach vielen schönen und sonnigen Tagen richtig kalt. Die Temperatur fiel an einigen Tagen sogar auf -24°C in der Nacht. Tagsüber schwankt die Temperatur zwischen 0 und -8 °C.
Zu Weihnachten passierte hier nichts Ereignisreiches. In China feiert eigentlich niemand Weihnachten, aber die Jugendlichen finden westliche Festivals cool, deswegen kam trotzdem ein wenig Weihnachtsstimmung auf. Eine kitschige Weihnachtsbäume konnte ich auch finden und ich zu Heilig Abend ging ich in die Kirche, welche mit schrecklich aussehenden bunten Lichterketten geschmückt war, die unablässig blinkten in allen möglichen Farben.
die Schule gab uns vom 23. bis 26. Dezember frei, die Woche danach musste ich noch unterrichten.
Am 30. ist der letzte Schultag und danach fangen die Ferien an. Ich werde zuerst an einer Konferenz von Amity in Lanzhou teilnehmen, welche 10 Tage dauern wird. Danach habe ich endlich Zeit, in China umherzureisen: Nach Tibet, in den Süden von China und am Ende wahrscheinlich noch nach Peking.
Das bedeutet, dass ich jetzt 2 Monate lang in Jiuquan sein werde und in dieser Zeit auch nicht meinen Blog updaten werde. Danach werde ich aber umso ausführlicher von meiner Reise berichten.
Ich hoffe, es geht euch gut, bis dann
Liebe Grüße
Paul ;)
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